Auster, Jahrgang 1947, analysiert und philosophiert über das Schreiben und das Leben, seine Lieben und seine Wohnungen, über die er in ¿Winterjournal¿ Buch führt. Angefangen von der ersten Herberge bei seiner Geburt, dem Beth Israel Hospital in Newark, über die Wohnung seiner Eltern (der Vater bekam den Mietvertrag, nachdem er der Vermieterin einen Fernseher geschenkt hatte) und die erste eigene Wohnung in Manhattan (Ein heruntergekommenes, schlecht konzipiertes Drecksloch [¿].¿) bis zu dem Haus in Brooklyn, ¿irgendwo in Park Slope¿, wo er seit langen Jahren zusammen mit seiner Frau Siri Hustvedt lebt und die gemeinsame Tochter Sophie aufwuchs ¿ Diese Idee, anhand der Heimstätten Teile seines Lebens und der Zeitläufe zu erzählen, entfaltet dank Paul Austers Sprachgewalt wahre Magie.
Genauso wie die offen aufgeschriebenen Erinnerungen an die ¿phallische Besessenheit¿ der Jugend. ¿Wie jedes andere männliche Lebewesen, das je auf Erden gewandelt ist, wurdest du zum Knecht der wundersamen Veränderung, die sich in deinem Körper vollzogen hatte. An den meisten Tagen konntest du kaum an etwas anderes denken ¿ an manchen Tagen an gar nichts anderes.¿ Trotz des flammenden Verlangens erzählt Auster, wie schüchtern und unbeholfen er anfangs war und ¿in einer Hölle aus Frustration und permanenter sexueller Erregung¿ lebte.
Austers ¿Katalog von Sinnesdaten¿ schließt neben den erotischen Erfüllungen oder Versagungen seine mit dem Alter zunehmende Gebrechlichkeit und Vergänglichkeit mit ein; genauso seelische und körperliche Erschütterungen wie zum Beispiel die durch einen schweren Autounfall 2002, den er verursacht hat und bei dem seine Frau Siri aus dem Wrack geschnitten werden musste. Seit diesem Tag setzt er sich nicht mehr hinter das Steuer eines Wagens. Natürlich ist dieses Trauma nicht der Grund, warum Paul Auster zum leidenschaftlichen Fußgänger wurde ¿ das Gehen ist einfach seine Natur. Das Gehen, das Beobachten und das Schreiben: ¿Um das zu tun, was du tust, musst du gehen. Gehen trägt dir die Worte zu, erlaubt dir den Rhythmus der Worte zu hören, während du sie in deinem Kopf schreibst. Einen Fuß nach vorn, dann den andern nach vorn, der Doppelschlag deines Herzens. Zwei Augen, zwei Ohren, zwei Arme, zwei Beine, zwei Füße." Schreiben beginnt für Paul Auster im Körper, ¿ist die Musik des Körpers¿.
Wie viele Kilometer Paul Auster für dieses Buch durch Brooklyn gelaufen ist, wissen wir nicht ¿ aber der Klang von ¿Winterjournal¿, die Musik der Worte, hat uns in jedem Fall überzeugt.
Der Durchbruch als Autor gelang Paul Auster Mitte der 1980er-Jahre mit seiner "New-York-Trilogie" (1987). Zuvor hatte Auster, Jahrgang 1947, Anglistik und Literaturwissenschaft studiert, als Matrose angeheuert oder während seiner Jahre in Frankreich übersetzt. Geboren in Newark (New Jersey) als Sohn osteuropäischer Juden, die nach Amerika einwanderten, lebt er seit Langem in New York. Dort lernte er auch seine zweite Ehefrau, die Autorin Siri Hustvedt, kennen, mit der ihn mehr als 30 Jahre Ehe verbinden. Unmöglich, in einem Porträt von Auster den Namen Hustvedt nicht zu erwähnen - schließlich teilt Paul Auster selbst sein Leben in eine Zeitrechnung vor und nach Siri ein. Das Paar hat eine Tochter, Sophie, die 1987 zur Welt kam. Aus erster Ehe mit Lydia Davis stammt Sohn Daniel. In seinen verschachtelten Romanen und Kriminalromanen führt Auster die Leser in die Irre, Täter werden zu Opfern, und die Lektüre wirft einen auf die eigenen Projektionen zurück. Diese Art zu schreiben, der Roman im Roman, gilt auch als Markenzeichen Austers und begeistert seine Leser. In Deutschland und Frankreich finden sich übrigens die treuesten Anhänger des Auster-Stils - und natürlich in den USA. Der zurückhaltende Autor sagt über seine Figuren, dass sie einfach zu ihm kommen, er nie nach ihnen suchen muss. Und er schreibt all seine Werke zuerst mit der Hand, danach tippt er den Text mit seiner alten Olympia-Schreibmaschine ab. Neben seinen erfolgreichen Romanen und Essays wie "Die Erfindung der Einsamkeit" (1982), "Mond über Manhattan" (1989), "Mr. Vertigo" (1994), "Unsichtbar" (2009), "Sunset Park" (2010) oder "Winterjournal" (2012) schrieb Auster z. B. auch das Drehbuch zu den Filmen "Smoke" und "Blue in the Face", die Regisseur Wayne Wang mit Stars wie Harvey Keitel, William Hurt, Jim Jarmusch oder Madonna umsetzte. Bei dem Film "Lulu on the Bridge" führte Auster, der auch hier das Drehbuch schrieb, selbst Regie und erhielt sowohl als Drehbuchautor wie auch als Autor zahlreiche Preise.
Jahr:
2013
Verlag:
Reinbek bei Hamburg, Rowohlt Verlag GmbH
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Systematik:
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Pyk
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ISBN:
978-3-498-00087-5
Beschreibung:
253 S.
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Fußnote:
Aus d. Engl.